Handwerk und Pädagogik

Seit dem starken Fortschreiten der Industrialisierung ist mit dem Rückzug des Handwerks verbunden, daß Gestaltungs- und Herstellungsprozesse der kindlichen Wahrnehmung unzugänglich werden. Arbeits- und Wohnstätten werden zunehmend voneinander getrennt. Bis in die Haushalte hinein kommen industriell produzierte Halbfertig- und Fertigprodukte zum Einsatz. Die Wohneinheiten werden kleiner, von der drei bis vier Generationenfamilie bis zur Patchworkgemeinschaft. Gestaltungsentscheidungen, wie sie bei eigener Herstellung ständig anfallen, werden ersetzt durch Kaufentscheidungen. Einen Schub ungeahnten Ausmaßes bekommt diese Entwicklung seit dem zunehmenden Fortschreiten elektronischer Medien und Steuerungen.

Für die gesunde Entwicklung junger Menschen sind Nachahmung und später Nachfolge wesentliche Bestandteile. Durch Wahrnehmung mit allen Sinnen und praktische Tätigkeit erschließt sich das Kind die Welt. Der zunächst kleine Aktionsradius wird langsam größer. Welchen Menschen und Tätigkeiten, aber auch welchen Materialien und Produkten begegnet das Kind in diesem Radius? Wie durchschaubar sind die Prozesse? Welche haptischen Möglichkeiten lassen sich wahrnehmen? Welche zwischenmenschlichen Beziehungen lassen sich aufbauen? Mit diesen und ähnlichen Fragen lassen sich förderliche und reichhaltige Situationen beschreiben und herbei führen. Gleichzeitig läßt sich der Blick für Mangel bis hin zu Verwahrlosung schärfen. Dabei muß es nicht um grundlegende Gesellschaftskritik und Pessimismus gehen. (Letzterer ist für Kinder ohnehin nicht förderlich). Aber in vielen Situationen lassen sich Perspektiven entwickeln und umsetzen zum Wohle der Kinder in unmittelbarer Umgebung.

Die differenzierte Ausbildung der Handgeschicklichkeit spielt eine bedeutende Rolle für die Persönlichkeitsentwicklung. Unabhängig vom später ausgeübten Beruf. Natürlich ist es immer gut ein geschickter Mensch zu sein. Aber nicht nur in physischer Hinsicht, sondern auch im Seelischen und Geistigen verläuft die Entwicklung günstiger, wenn die Handfertigkeit geübt wird, bis ins Wahrnehmen, Empfinden und Denken hinein.

Die Klein Sülzer Werkstatt versucht in diesem Zusammenhang eine Umgebung zu bereiten, die der kindlichen Entwicklung förderlich ist. Als private Initiative nutzt sie gegebene Möglichkeiten. Grundstück und Werkstattgebäude sind vorhanden. Es finden sich zahlreiche ehrenamtliche Mitarbeiter und das Projekt erhält immer wieder Unterstützung, finanziell und durch Sachspenden. Die ausgedehnte Arbeit mit den Kindern ist in der Regel für die Erwachsenen mit beglückender Erfüllung verbunden.

Im Frühjahr 2014 wurde der Klein Sülzer Werkstatt das Werkbundlabel des Deutschen Werkbundes verliehen.