Vortrag

Zur Bedeutung von Materialerfahrung und Geschicklichkeit in den Händen für die Entwicklung junger Menschen

Verehrte Zuhörer!

Ich beginne mit einer Vorbemerkung:

Die Gedanken, die wir heute bewegen wollen, wurden vor der Coronaepidemie zusammengetragen. Seitdem hat sich vieles verändert. Das Bewußtsein ist auf andere Schwerpunkte gerichtet.

Gleichwohl sind viele Aufgaben und Probleme weiter aktuell, wenn sie auch in den Hintergrund gedrängt sind. So sind im Umgang mit natürlichen Ressourcen und der Bewältigung der Flüchtlingsströme dringend Lösungen zu finden und umzusetzen – um nur zwei Themen zu nennen.

Die Veränderungen des letzten Jahres haben den Ruf nach Digitalisierung immer lauter werden lassen. Zugleich wird deutlich, wie für praktische Arbeit Menschen fehlen, die sich diese zur Lebensaufgabe machen wollen. Dabei denke ich an Handwerk (z.B. Bäcker, Bauhandwerker) aber auch an Facharbeiter in der Industrie. So hat das Thema meines Vortrags nichts an Aktualität verloren.

Wir sind heute zusammengekommen um unsere Gedanken auf ein Thema zu konzentrieren, das jeden mehr oder weniger direkt betrifft und daher große gesellschaftliche Relevanz hat. Heranwachsende junge Menschen auf ihrem Entwicklungsweg zu begleiten, ist eine freudvolle, auch fordernde Aufgabe. Aber es gibt auch Gefahren und Fehlentwicklungen, die erkannt und benannt werden sollten und denen entgegenzutreten ist. Ich möchte im Folgenden eher das Fördernde, Aufbauende in den Blick nehmen und das Abträgliche nur kurz erwähnen.

Um die Tragweite unseres Themas besser erfassen zu können und die Bedeutung der Beispiele richtig zu gewichten, ist es gut wenn wir uns zunächst mit Aspekten der Entwicklung des Kindes vertraut machen. Wir können dann bemerken, wie eng diese Tatsachen mit Fragen und Aufgaben gesellschaftlicher Entwicklung verbunden sind.

In einem zweiten Abschnitt möchte ich Ihnen Bilder aus meiner eigenen Kindheit schildern. In einem dritten stelle ich Ihnen ein Projekt vor, das jetzt versucht praktisch umzusetzen, was wir zuvor theoretisch behandelt haben. In einem letzten Teil folgen dann Reflektionen, die sich aus den praktischen Beispielen ergeben.

Wenden wir uns also zunächst dem Thema der Entwicklung des Kindes zu. Dabei wollen wir uns beschränken auf einzelne Aspekte, die in diesem Zusammenhang von besonderer Bedeutung sind.

Die frühe Kindheit ist stark geprägt durch die Nachahmung. Bis in den Beginn der Schulzeit spielt das eine große Rolle. Beim Lernen einer Fremdsprache können Aussprache und Sprachmelodie in diesem Alter besonders effektiv aufgenommen werden. Kinder übernehmen Verhaltensweisen, Bewegungsmuster, Redewendungen unmittelbar aus ihrer Umgebung – oft eins zu eins, wie kopiert. Dabei wird nicht reflektiert.

Mitunter kann das lustige Züge annehmen, wenn z.B. in einem Ausspruch sich die Eigenart eines Erwachsenen widerspiegelt. Zugleich kann man ein Empfinden der Verantwortung bekommen, wenn man erkennt, wie das eigene Sprechen und Verhalten so ungefiltert vom Kind übernommen wird. Auch kann man sich unter diesem Aspekt immer wieder neu überlegen in welche Umgebung man besonders das kleine Kind bringt oder auch lieber nicht.

Im Nachahmen wird viel gelernt und es wird leicht gelernt. So kann das Kind zum Beispiel gute Gewohnheiten entwickeln, etwa eine wache, zugewandte Begrüßung wenn man jemandem begegnet. Regeln des sozialen Miteinanders werden übernommen und verinnerlicht. Je klarer sie bei den Erwachsenen gelebt werden desto leichter nimmt sie das Kind an – ohne gedankliche Begründungen! Diese sind in dem Alter kognitiv noch nicht verarbeitbar und würden eher zu Verunsicherung führen. Wichtig ist das eindeutige Setzen und konsequente Einhalten von Grenzen. Das gibt dem Kind Sicherheit und Ruhe.

Für unser Thema des Handwerks und der Geschicklichkeit ergibt sich eine Fülle von Möglichkeiten. Für das kleine Kind steht das spielerische Umsetzen im Vordergrund. Z.B. wird ein Kuchenteig gerührt und zum Backen in eine Form gefüllt. Das kann später in der Sandkiste wiederholt werden. Dabei ist nicht so wichtig ob das Kind einen wirklichen Kuchen backt, aber es wäre gut, wenn die Mutter statt des Handrührgerätes einen Backlöffel verwenden würde.

Etwas anders ist die Lage beim nächsten Beispiel. Es wird Apfelsaft gepresst. Aus dem Anhänger mit dem aufgelesenen Obst werden die Äpfel genommen, von Laub und Grashalmen befreit und in den Waschzuber geworfen. Da kann man auch als kleiner Mensch mitarbeiten, wie es die Großen tun. Ganz ähnlich kann es im Garten sein: die Hecke ist geschnitten – nun sollen die Zweige in die Schubkarre gefüllt werden, um sie fort zu fahren. Da gibt es viel zu tun und man kann helfen.

Je mehr im Nachahmen die echte Tätigkeit ausgeführt wird, desto wichtiger ist die stimmige Ausgangssituation. Wenn ein Kind dem Koch oder Schmied bei der Arbeit zusieht und diese ihr Handwerk wirklich verstehen und mit Liebe ausüben, nimmt es Bewegungen, Handgriffe und Haltungen wahr, die es tief in die echte Tätigkeit hineinführen.

Mit fortschreitendem Alter lassen die Nachahmungskräfte nach. Selbstbewußtsein entwickelt sich. Das Kind nimmt den Erwachsenen und ihn in seiner Tätigkeit anders wahr. Es ist nicht mehr eins mit ihm, wie früher bei der reinen Nachahmung, sondern steht ihm jetzt gegenüber. Fragen entstehen. Übt der Erwachsene die Tätigkeit, in der er sich gerade befindet, gerne aus? Mit der Überzeugung, daß sie notwendig, wichtig ist? Ist er konsequent in seinem Handeln? Wie passt zusammen, was gesagt und was getan wird? Daraus kann sich, wenn es gut geht, eine eigene Haltung entwickeln – zunächst noch unbewußt, später immer klarer. Zum einzelnen Erwachsenen kann das Kind dann eine neue Verbindung aufbauen, die mit Nachfolge charakterisiert werden kann. Dies geschieht aus freier Hinwendung des Kindes, der Erwachsene übernimmt dabei ein hohes Maß an Verantwortung, ist doch die Seele des Kindes noch filigran und leicht formbar.

In diesem Alter beginnt das Kind auch Nachgeahmtes und Gelerntes umzuwandeln oder es als Grundlage für eigene Erfindungen zu nutzen. So entstehen mitunter eigene Interessen und Fähigkeiten auf Gebieten, die sich das Kind selbständig erschlossen hat, mitunter zur Verwunderung und Freude der umstehenden Erwachsenen – manchmal auch unter deren Mißfallen und Sorge. In jedem Falle ist es gut, den Prozeß mit wachem, aufrichtigem Interesse zu begleiten.

In einem zweiten Schritt wollen wir nun betrachten, in welcher räumlichen Umgebung das bisher Gesagte abläuft.

Das Neugeborene erlebt die Welt vom Arm der Mutter aus, zwischen sich und Gesicht und Hals und Brust seiner Mutter. Hier wird die Welt erfahren und mit allen Sinnen wahrgenommen. Nur in zweiter Linie dringt mit Licht, Geräuschen und Gerüchen die äußere Welt in diesen Raum ein.

Ständig wird nun dieser für die eigene Entwicklung relevante Raum erweitert: Zunächst sind es einzelne Räume der Wohnung, immer einer zur Zeit, nämlich der, in dem man gerade ist. Dann wird es die ganze Wohnung und später , wenn es ihn gibt, der eigene Garten. Das kann ein wunderbares Gefilde sein, eigene Erkundungen zu unternehmen.

Ein kleiner Junge, er kann gerade alleine laufen, steht mit seiner Mutter in der Fußgängerzone auf holprigem Pflaster. Sie ist im Gespräch mit Freunden. Auf einmal läßt er den Rockzipfel los und tapst ungestüm hinaus in den freien Raum vor sich. Dann hält er an und steht schwankend auf dem unebenen Pflaster. Er genießt offensichtlich die neu gewonnene Freiheit und schaut dabei zurück zur Mutter. Was mag in ihm gerade vorgehen? Ist die Mama noch da? Ist sie einverstanden, daß ich so weit weg bin? Sie scheint das in Ordnung zu finden. Also läuft er weiter. Das war ja eben so schön! Aber der Mutter wird es nun doch zu viel. Sie kommt hinter ihm her. Das macht nun gerade Spaß. Seine Beine fliegen nur so dahin und er bleibt aufrecht. Bevor er zwischen den Stühlen des Straßencafes verschwindet, hat sie ihn geschnappt und auf den Arm genommen. Das ist auch schön, so bei der Mama. Es gibt keinen Protest. Aber in die Weite rennen war schon gut und wird wohl bald wiederholt.

Auf diese Weise wird der Erfahrungsraum immer größer mit Plätzen und Straßen, Parks oder Wiesen, Bächen und Wald. Genommen wird, was die Umgebung bietet.

Dazu gehören mehr oder weniger Menschen: neben Eltern, Geschwistern und Verwandten auch Nachbarn, Freunde, Händler, Handwerker, Arbeiter und Bauern. Sie alle beleben die Erfahrungsräume, geben ihnen ihre besondere Prägung.

Schon mit Kindergarten und Schule verändern sich die Erfahrungsräume und mit dem Übergang zum Jugendlichen, auch wenn die eigene Mobilität zunimmt, gibt es einen großen Schritt.

Auf jeder Stufe stellt sich die entscheidende Frage der Qualität. Welche Möglichkeiten bietet die Umgebung, welche Materialien stehen zur Verfügung, welche Aktivitäten sind geboten oder möglich? In vielen Fällen sind große Defizite zu beklagen und entsprechend eingeschränkt verläuft die kindliche Entwicklung.

Sehen wir uns einige dieser Entwicklungsräume etwas näher an.

Zuerst Fragen zur Wohnung: Gibt es genügend Rückzugsraum, in dem das Kind auch mal alleine sein kann? Gibt es einen Raum, in dem es laut sein darf und in dem Bewegung stattfinden kann, einen Raum in dem gewerkelt, gebastelt werden kann? Ist die Küche so groß und so eingerichtet, daß man dort klassisch kochen und backen kann?

Ein schwieriges und doch so bedeutendes Thema ist das Umfeld der Wohnung. Wie dicht ist die Bebauung? Gibt es Flächen, die wenig oder gar nicht gestaltet sind, wo man eine Bude bauen kann oder am Wasser spielen? Oder ist die Bebauung so verdichtet, daß solche Aktivitäten, die ja auch etwas Rückzug brauchen, nicht entstehen können oder leicht frühzeitig gestört werden? Gibt es handwerkliche Werkstätten im Umkreis, wo man Handwerker kennenlernen kann und mit der Zeit weiß, was sie tun – vielleicht auch einmal etwas Material bekommt oder ein Werkzeug leihen kann um selbst etwas zu probieren. Wo ist der nächste Bauernhof, bei dem man in den Stall darf, vielleicht sogar helfen – im Heu oder auf dem Acker? Liegen diese Möglichkeiten so nahe, daß sie mit eigenen Mitteln (zu Fuß, mit Roller oder Fahrrad) erreichbar sind oder müssen immer Fahrdienste (meist der Mütter) in Anspruch genommen werden? Dieses Gefahren-Werden ist in mehrfacher Hinsicht von Nachteil:

1. Der ökologische Fußabdruck ist nicht gut.

2. Die an sich schöne Aktivität des Kindes hat keinen direkten räumlichen Zusammenhang mit dem alltäglichen Erfahrungsraum des Kindes.

3. Der Chauffeur treibt einen hohen zeitlichen Aufwand und könnte eigentlich Besseres tun während dieser Zeit.

Wenn das Kind den Ort mit eigenen Mitteln erreichen kann kommt hinzu, daß Besuche häufiger, auch für kürzere Zeit, und spontaner erfolgen können.

An dieser Stelle scheint ein kurzer Einschub zum Thema Spielzeug sinnvoll. Kinder spielen ja vielfach, was sie in ihrer Umgebung wahrnehmen. Dazu gehören auch Geschichten, die sie gehört haben. Aus der Phantasie entwickelt sich das Spiel. Deshalb ist es gut, wenn zum Spielen Materialien bereitstehen, die verschiedene Rollen einnehmen können oder gestaltbar sind, bearbeitet werden können. Zu detailliert ausgeformtes Spielzeug bremst eher die Phantasie.

Ich möchte noch weitere Beispiele anfügen:

Aus einem Schuhkarton entsteht ein Puppenhaus. Es gibt Papier und Pappe, eine Schere und Bleistifte, Kleber, Pinsel und Farben, ein Stöffchen, Nadel und Faden. Das kann reichen für viele Stunden, ja Tage, phantasievoller Beschäftigung.

Welche Chancen eine Wiese mit kleinem Bach und Wäldchen bietet können wir uns leicht ausmalen, vorausgesetzt man darf sich dort entfalten, von Seiten des Besitzers wie von Seiten der Eltern aus (man wird vielleicht schmutzig oder verletzt sich; man ist eventuell nicht so ganz dicht unter Aufsicht). Ich hatte mit meinen Geschwistern dieses Glück und Sonntagsspaziergänge wurden bisweilen genutzt um den Eltern die Werke der letzten Woche vorzuführen.

Wenn nun die Umgebung viel Nachahmenswertes bietet und Menschen dort sind, denen man nacheifert, nachfolgen möchte und man von Räumen umgeben ist, die Möglichkeiten zur Aktivität bieten, regt das im Kind umfangreiche Lernprozesse an. Mehr oder weniger angeleitet und mit wachem Interesse der Erwachsenen wird das Kind geschickt und ausdauernd, übernimmt Verantwortung für sein Tun. Durch Wiederholung wird geübt und, wenn es gut verläuft, entwickelt sich ein wohl begründetes Selbstbewußtsein.

Etwa bei einem Dreijährigen: Wir haben Erbsen geerntet, weil sie reif sind. Nun sollen sie ausgepalt werden damit wir sie essen können. Wir sitzen am Tisch im Halbschatten und die Oma zeigt wie’s geht. Die Oma ist für das Kind eine geliebte Autorität. Sie weiß genau, worum es geht. Zuerst wird die Schote geöffnet. Manchmal springen schon dabei Erbsen davon. Die müssen dann eingesammelt oder im Wegrollen gefangen werden. Wir wollen schließlich keine verlieren – sie schmecken ja so gut. Mit der Zeit geht es immer besser und es springen auch kaum noch Erbsen davon. Fertig sind wir erst wenn die Ernte für das Mittagessen versorgt ist. Daß das lange dauert, macht dem Kleinen wenig aus. Es ist ja schön, bei der Oma zu sitzen und zu arbeiten wie die Großen.

Bei allem was wir bisher besprochen haben bleibt noch ein Aspekt, dem wir uns widmen wollen, bevor wir dann mehr in praktische Beispiele gehen. Dabei geht es um das, was im Kopf, genauer im Gehirn vor sich geht, wenn das Kind lernt, Erfahrungen macht, geschickt wird. Und das hat wiederum Auswirkungen auf das Denken.

Mit Lernen meine ich hier vor allem Kennenlernen von Teilen der realen, physischen Welt. Indem sich die Aufmerksamkeit auf einen Gegenstand richtet, werden Zentren im Gehirn besonders aktiv, die mit der sinnlichen Wahrnehmung befasst sind. Je intensiver diese Wahrnehmung stattfindet, desto mehr steigt die Verarbeitungstiefe der Eindrücke. Das bedeutet, daß mehr Synapsen beteiligt sind, die beteiligten Synapsen sich stärker verändern oder es geschieht beides zugleich. Mit der Verarbeitungstiefe steigt auch die Erinnerungsmöglichkeit. Gleichzeitig werden Inhalte besser abgespeichert und sind entsprechend besser abrufbar.

Die Erfahrung mit dem Stift zu schreiben, führt zu verstärkter Aktivität in motorischen Hirnregionen. Bei Buchstaben, die durch Tastatureingabe gelernt wurden, ist das nicht der Fall. Durch manuelles Schreiben werden Buchstaben besser gelernt. Das heißt unter anderem, daß sie schneller erkannt werden.

Das Geschickt-Werden bezieht sich hier besonders auf die Geschicklichkeit der Finger. Untersuchungen haben gezeigt: Es gibt einen Zusammenhang von der Fingergeschicklichkeit zur Fähigkeit mit Zahlen zu hantieren, besonders wenn die Geschicklichkeit im Kindesalter erworben wurde. Kinder die im Kindergarten ihre Finger besser handhaben können, sind später besser in Mathematik bzw. das Training der Finger steigert die mathematischen Fähigkeiten. Im Kindergarten also mehr Fingerspiele statt Hörbücher!

Ich möchte nun Begebenheiten aus meiner eigenen Kindheit und Jugend mitteilen, die für unser Thema relevant sind. Dabei wird deutlich, wie aus natürlichem Empfinden in ungetrübter Intuition Situationen gestaltet wurden, die kindlicher Entwicklung förderlich waren. Auch zeigt sich, wie ungestört der Verlauf sein konnte ohne den späteren technischen Fortschritt, der, zumindest aus entwicklungspsychologischer Perspektive, zweifelhaft erscheint. Dem Vorwurf, die Vergangenheit zu verklären oder sich in nostalgischer Betrachtung dem Fortschritt zu verwehren, halte ich entgegen, daß technischer Fortschritt nicht mit solchem auf sozialem oder pädagogischem Felde gleich gesetzt werden darf. Wenn man die technische Veränderung als Absicht nimmt und die soziale Begleiterscheinung als Nebenwirkung bezeichnet, lassen sich Beispiele finden, bei denen die Nebenwirkungen dazu führen, die ursprüngliche Absicht auf Grund der Nebenwirkungen in Frage zu stellen. Dies mag ein aktuelles Beispiel zeigen: Lange war die autogerechte Stadt hohes Ziel. Inzwischen wird immer deutlicher, welche Probleme damit verbunden sind und die Suche nach anderen Lösungen ist in vollem Gange.

Eine ganz frühe Erinnerung habe ich an meinen Vater, der an einem sommerlichen Tag auf der Terasse damit beschäftigt war, eigenartige Holzklötze herzustellen, mit Säge und Raspel. Ich spielte in der Nähe. Nach kurzer Zeit interessierte ich mich für die Klötze und wollte helfen. So bekam ich Schleifpapier und durfte einen Klotz glattschleifen. Es war eine wunderbar harmonische Stimmung mit dem Vater zu arbeiten. Als nach einem halben Jahr mein Bruder und ich jeder einen hölzernen Trecker mit Anhänger als Geschenk in der Weihnachtsstube entdeckten, erkannte ich die Klötze wieder. Ich hatte eine Motorhaube schleifen dürfen.

Meine Familie wohnte zunächst mitten in einer Großstadt, aber dort im Zentrum einer Parkanlage, die so groß war, daß ich bis zum sechsten Geburtstag, als wir dort wegzogen, nicht alle Winkel erkundet hatte. Wir Kinder nutzten den Park zum Spielen und konnten uns frei darin bewegen. Eines Tages sahen wir den Gärtnern beim Laubfegen zu. Sie hatten Laubbesen, mit denen sie große Haufen zusammenholten, die dann abtransportiert wurden. Spielen durften wir in diesen herrlich duftenden, raschelnden Haufen nicht. Das Laub hätte sich dabei wieder verteilt. Das konnten wir einsehen. Bald kamen wir auf die Idee, große Zweige als Laubbesen zu verwenden und auch Laubhaufen zusammenzuholen. Es gab viel zu tun. Der Park war weitläufig. Heute denke ich: Wie gut, daß es noch keine Laubgebläse mit Motor gab. Die lassen sich nicht so schön nachahmen.

Bevor ich eingeschult wurde, zogen wir in unser neues Haus um, das der Vater für uns gebaut hatte. Wir Kinder fühlten uns dort sehr wohl und rückblickend kann ich sagen, was dazu beitrug. Ich könnte ein Buch darüber schreiben – hier beschränke ich mich auf ein paar Beispiele.

Die Eltern hatten kein Auto, keinen Fernsehapparat, kein Telefon. Internet und Smartphone waren nicht einmal als Zukunftsvisionen vorhanden. Deshalb ging vieles langsamer und die direkte Kommunikation von Mensch zu Mensch hatte einen höheren Stellenwert. So war die Situation für uns Kinder:

Eines Tages kam ein großer Lastwagen mit Anhänger auf unsere Baustelle, voll beladen mit Mauersteinen, und wurde von Hand abgeladen (Kran oder Gabelstapler gab es nicht). Es dauerte Monate, bis dieser Berg an Steinen von den Maurern verarbeitet war. Das hatte etwas Gutes in zweierlei Hinsicht für uns. Zum einen konnten wir genau beobachten, wie gemauert wird und auch mit den Maurern darüber sprechen. Zum anderen hatten wir über lange Zeit Steine, um selber ein kleines Haus zu bauen.

Unser Vater hatte einen alten Honigeimer aus Blech. In dem wurden alle Nägel gesammelt, meist krumm und rostig. Bretter wurden entnagelt und standen dann für eine neue Verwendung bereit. Kein Nagel wurde weggeworfen oder liegen gelassen. Wenn wir nun etwas aus Holz bauen wollten, durften wir uns aus dem Eimer bedienen. Wir lernten rasch wie man mit dem Hammer Nägel gerade klopfen kann. Nur wenn sie direkt unter dem Kopf verbogen waren, wurde es schwierig. Daß sie verrostet waren, spielte keine Rolle. Werkzeug gab es genug auf der Baustelle und wir fanden immer ein Plätzchen, an dem wir unsere Ideen in die Tat umsetzen konnten.

Hinter unserem Haus erstreckte sich ein weitläufiges Tal mit waldigen Hängen. Das wurde, als wir älter wurden, ein unerschöpfliches Areal zum Spielen und Tiere und Pflanzen beobachten. An dem Flüßchen wurden bis vor kurzem in wassergetriebenen Hammerwerken und Schleifkotten Werkzeuge hergestellt und Stahl geschmiedet. Mit dem Vater unternahmen wir so manche Erkundungstour, um die verbliebenen Bauwerke und ihre Einrichtung zu untersuchen. Die neueren Hammerwerke waren auf den Höhen errichtet. Im Sommer wurden Fenster und Tore weit geöffnet und der Klang der Fallhämmer liegt mir bis heute in den Ohren: das hohe Pfeifen des Riemens, der den Bär in die Höhe schnellen lässt, gefolgt von dem dumpfen Knall beim Aufprall des Hammers auf den hellrot glühenden Stahl. Die Töne breiteten sich über Kilometer in der Landschaft aus. Von Emissionsschutz war noch keine Rede. Wir standen manchmal am offenen Tor und sahen den Arbeitern zu.

Im Herbst wurden Drachen gebaut mit Holzleisten, Paketschnur und Packpapier. Wir ließen sie steigen über den Stoppelfeldern und Wiesen. Wenn ein Drachen gut gelungen war und der Wind gleichmäßig wehte, konnten wir die Schnur an einem Zaunpfahl anbinden und zum Mittagessen nach Hause gehen. Mit etwas Glück stand unser Drachen noch am Himmel, wenn wir nach dem Essen zurück kamen. Später wurden kleine Gondeln gebaut, die vom Wind an der Drachenschnur hochgetrieben wurden.

Im Herbst und Winter erregten zwei Schränke auf dem Dachboden verstärkt unsere Aufmerksamkeit. Der eine war Vaters Schrank. Er hatte viele Fächer und darin Zigarrenkisten voller nützlicher und interessanter Utensilien: nicht nur Schrauben und Nägel in allen Formen und Größen, auch Scharniere, Rollen und Räder, Haken und Federn – wie ein kleiner Eisenwarenladen – herrlich zum Stöbern. Wenn wir etwas nehmen wollten, mussten wir fragen. Der andere Schrank gehörte der Mutter und hieß auch Papierschrank. Wir durften nicht selbst darangehen. Er war prall gefüllt mit Papieren aller Art: Buntpapiere, Aquarellpapier, Zeichenkarton, Scherenschnittpapier – alles aus dem Nachlass einer Papiergroßhandlung. Und dazu kamen Kleber, Kleister, Bänder und Kordeln. Wenn wir etwas planten, wurden wir aus diesem Fundus großzügig versorgt.

So könnte ich fortfahren von einer erfüllten Kindheit zu berichten mit sorgenden Eltern, die uns zugleich viel Freiheit ließen und Umgebungen, in denen wir Erfahrungen sammeln konnten und selbst aktiv gestaltend tätig waren. Aber das ist jetzt mehr als 50 Jahre her und die Welt hat sich stark verändert. Deshalb möchte ich Ihnen nun von einem Projekt berichten, das jetzt stattfindet und versucht auf diese Veränderungen einzugehen.

Voranstellen möchte ich Gedanken zum Handwerk im Allgemeinen. Am Anfang steht ein Bedarf, es wird etwas gebraucht: Eine Mahlzeit, eine Jacke, ein Haus… . Dann gibt es jemanden, der es machen kann: den Koch, den Schneider, den Maurer usw. Dieser Handwerker hat das Ziel klar vor Augen und erstellt aus seiner Erfahrung einen Plan, der dann nach und nach abgearbeitet wird bis das Ziel erreicht ist. Planen ist die Sache des Meisters, die Ausführung mehr die der Gesellen und Lehrlinge.

Im Folgenden können sie wahrnehmen, wie Kinder und Jugendliche angeleitet werden, ausdauernd und intensiv praktisch tätig zu sein. Weil diese Arbeit nacheinander in vielen verschiedenen Gewerken stattfindet, haben sie Gelegenheit, unterschiedlichste Materialien zu bearbeiten. Teilweise sind diese ähnlich, doch dann auch wieder sehr unterschiedlich. Durch die ausgedehnte handwerkliche Bearbeitung entsteht eine umfassende sinnliche Wahrnehmung. Es bleibt nicht bei einem kurzen Ansehen und Anfühlen. Mit der Zeit erfährt man auch verborgene Eigenschaften: neben Gewicht und eigenem Geruch bemerkt man, ob das Material hart oder weich ist, zäh, biegsam oder spröde. Wie nimmt es Feuchtigkeit und Wärme auf. Ist es dann anders zu bearbeiten? Stahl kann durch Erwärmen und Abschrecken gehärtet werden. Kupfer wird durch mechanische Bearbeitung hart und spröde, lässt sich dann durch Erwärmen und Abschrecken wieder erweichen. Eichenholz ist hart und schwer, lässt sich aber mit scharfen Werkzeugen gut bearbeiten. Es kommt zu einer intensiven Sinnesschulung. Qualitäten werden differenzierter wahrgenommen und können dann auch benannt werden, an Stelle pauschaler Wertungen (gut oder schlecht) oder reinen Befindlichkeitsäußerungen (mag ich oder mag ich nicht), die das Material gar nicht beschreiben.

Nun zum angekündigten Projekt. Es heißt „Klein Sülz“. Sülz ist ein Weiler auf der Hohenloher Ebene bei Schwäbisch Hall mit 34 Einwohnern. In einem Hof, zwischen altem Wohnhaus und Scheune, ist eine Ansammlung von kleinen Häusern entstanden, die Kinder und Jugendliche errichteten. Es gibt ein Kinderhaus mit schmaler Werkbank und gemauertem Herd, eine Schmiede, einen Schleifkotten mit Naßschleifstein, eine Lagerhütte aus Rundholz gezimmert, ein Toilettenhaus mit Waschräumen, eine Bäckerei mit Backstube und Steinofen, angebaut eine Getreidemühle und ein Siederhäusle zur Salzherstellung. Die Häuser sind jeweils knapp 3 x 3 Meter groß und haben ein Satteldach. Für jedes Haus wurde ein Bautrupp gebildet, der unter Anleitung in den verschiedenen Gewerken gearbeitet hat. So waren die Kinder Betonbauer, Steinmetze, Zimmerer, Ziegler, Maurer, Lehmbauer, Schmied, Schreiner, Dachdecker. Die Bauzeit betrug für ein Haus zwischen zwei und vier Jahren. Die Häuser sind so beschaffen, daß sie wie große, klassisch gebaute, über lange Zeit stehen können. Sie haben jeweils einen Stromanschluss und Niedervoltbeleuchtung. Schmiede, Bäckerei und Toilettenhaus sind an die Trinkwasserleitung angeschlossen. Innen sind die Häuser so eingerichtet, daß dort gearbeitet werden kann: Kochen, Schmieden, Schlossern, Werkzeuge schleifen, Flach- und Rundstahl schneiden, Brot backen, Getreide mahlen, Salz sieden. In jedem Haus können unter dem Dach zwei bis vier Kinder schlafen.

Ich möchte nun einzelne handwerkliche Tätigkeiten, die in Klein Sülz ausgeführt werden, etwas genauer darstellen. Eine detaillierte Beschreibung des Bauens mit Kindern findet sich in meinem Buch: „Hausbau mit Kindern, wir bauen und richten eine Schmiede ein“.

Die Kinder eines Bautrupps bekamen fertige Pläne und diese Zeichnungen wurden vorab mit ihnen besprochen. Mehr oder weniger, dem Alter entsprechend, wurden Begründungen gegeben. Für kleine Kinder reichen Hinweise wie: So macht das der Handwerker – oder so wollen wir das tun. Ältere hingegen nehmen gerne Begründungen entgegen, weil sie nicht nur tätig sein wollen sondern auch verstehen mögen wie die Dinge zusammenhängen.

Ein gutes Beispiel hierfür ist das Betonieren einer Bodenplatte. Nach dem Erdaushub hatten wir aus Brettern die Schalung gebaut und die Armierung eingebracht, eine Matte unten und, auf Abstandhaltern, eine zweite Matte darüber. Die Kleinen sind ganz damit erfüllt, zu sägen, zu nageln und mit dem Bolzenschneider die Baustahlmatte auf das richtige Maß zu bringen. Die Größeren interessiert zusätzlich, warum die Matten in den Beton kommen und warum zwei, eine mehr unten und die andere mehr oben. Wir sprechen dann über Zug- und Druckfestigkeit von Werkstoffen und überlegen, wie die Platte belastet würde, wenn sie am Rand unterspült würde, die Wände am Rand nach unten drückten und zugleich die Mitte gut unterstützt bliebe. Die Platte bekäme in der Mitte Risse. Die Risse kämen von der Zugbelastung im oberen Bereich der Platte. Der Beton wäre diesen Kräften nicht gewachsen. Der Baustahl oben in der Platte kann den Kräften standhalten. Und schon sind wir mitten in der Bauphysik.

Oder es gibt eine Betrachtung zum Beton. Wir stellen uns den Kies vor mit seinen großen und kleinen Steinen in bunter Mischung. Das nennt man den Zuschlag. Dann wird der pulverfeine Zement dazugemischt, bis alle Zuschlagpartikel ganz umgeben sind von einer dünnen Schicht aus Bindemittel, so nennt man den Zement. Erst dann geben wir Wasser dazu. Nicht zu viel, es könnten Zuschlagpartikel freigespült werden und die Verbindung würde leiden. Die Masse wird hart. Man sagt: sie bindet ab. Dabei darf sie nicht mechanisch gestört werden, etwa durch Erschütterung oder Betreten.

Beim Steinmetz geht es viel um das richtige Halten der Werkzeuge, wohl dosierte Schläge und Rhythmus. Wenn die Hände Meißel und Hammer fest im Griff halten, bis die Hammerbahn den Meißelkopf trifft, gibt es einen Preßschlag und der Stoß geht bis in die Gelenke, vor allem die Handgelenke. Das führt zu rascher Ermüdung und kann entzündliche Prozesse in Gelenken und Sehnenscheiden zur Folge haben. Wir lernen also Preßschläge zu vermeiden. Hände und Arme sind im Moment des Aufpralls locker. Die Schläge werden leichter und rhythmischer. Gleichzeitig wird die bearbeitete Fläche harmonischer und die Arbeit ermüdet uns nicht so schnell. Wenn wir das wissen und üben und dann dem Steinmetz wieder zusehen, verstehen wir die Bewegung und erkennen vielleicht auch eine gewisse Schönheit darin. Das Kind geht in der Regel tief befriedigt und mit innerer Ruhe daraus hervor.

Zimmerei ist eine schöne Arbeit für den Winter und ein vielleicht feuchtes Frühjahr. Wir schauen gemeinsam die Pläne an. Jede Wand ist gezeichnet, mit jedem Stück Holz. Alle Schwellen, Pfosten, Riegel, Streben u.s.w. sind zu erkennen. Zuerst bekommt, Wand für Wand, jedes Stück seine Bezeichnung und wir besprechen, wie die Teile heißen. Wir tragen die Bezeichnungen in die Pläne ein und legen eine Liste an, die sogenannte Abbundliste. Sie enthält für jedes Stück die Bezeichnung, den Namen, die Maße und die erforderlichen Bearbeitungsschritte. Danach können sich die Zimmerer aus dem Balkenlager Holz holen, das Bundzeichen und die Bezeichnung anbringen und anreißen. Was das alles bedeutet lernen sie schnell und sie führen es gewissenhaft aus. Dann geht es weiter mit Ablängen und Zapflöcher stechen. Das ist alles viel Arbeit, die sich ständig wiederholt. Jeder erledigte Schritt wird in der Abbundliste vermerkt. Die fertigen Stücke werden, Wand für Wand, gestapelt. Bald kennen sich alle genau aus und wissen wo jedes Holz hingehört. Sicherheit und wieder: wohl begründetes Selbstbewußtsein wachsen.
Dieser Bauabschnitt hat einen besonders erfüllenden letzten Schritt: das Aufschlagen. So nennt der Zimmerer das baukastenartige Zusammenstecken der Fachwerkkonstruktion. Wenn alles gut vorbereitet und noch einmal kontrolliert ist, legt man alle Hölzer in der Nähe der Baustelle partieweise aus, dazu etliche Werkzeuge und Hilfsmittel. Noch einmal wird alles, was jetzt kommen soll, besprochen und gemeinsam gut durchdacht. Morgen sollen die Schritte nacheinander reibungslos ablaufen und dazu darf nichts fehlen. Alle Zimmerer werden gebraucht, vielleicht noch Helfer dazu und es kann losgehen. Weil die Bautrupp-Mitglieder durch die lange Arbeit so vertraut sind mit der Konstruktion, geht das Aufschlagen recht schnell und man kann das Haus förmlich wachsen sehen. Bald wird die Balkenlage aufgelegt. Die Sparren sind schnell zusammengesteckt und die Giebeldreiecke eingebaut. Am Abend steht das Haus in voller Größe da und es wird eine Birke in den Dachstuhl genagelt für das Richtfest. Dazu laden die Zimmerer am nächsten Tag ein. Jetzt ist man erst einmal müde. Es war doch viel Arbeit – aber eine, die glücklich macht.

Ein letztes Beispiel von dieser Baustelle sei aus einem anderen Gewerk, dem Mauern. Ein Sichtmauerwerk erhält sein prägnantes Aussehen zum einen durch die Oberfläche und Farbe der Backsteine, zum anderen durch das Fugenbild. Waagerechte, auch Lagerfugen und senkrechte oder Setzfugen stehen in einem bestimmten Verhältnis zueinander. Man nennt das den Verband. Dieser Verband will nach bestimmten Regeln geplant sein. Die wichtigste Regel ist, daß Setzfugen nicht durch mehrere Schichten verlaufen dürfen. Das Fugenbild soll einen gewissen Rhythmus haben und wir wollen so wenig wie möglich Steine zu Halben, Dreivierteln oder Vierteln schlagen. Bei einem geraden Stück Mauer ist das einfach zu bewerkstelligen. Schwieriger wird es, wenn die Mauer eine Fensteröffnung hat, um eine Ecke geht oder ein Kamin einzubinden ist – oder gar mehrere dieser Dinge nahe beieinander vorkommen. Auf einem Rasterpapier kann man zeichnerisch nach Lösungen suchen. Mitunter gibt es mehrere Lösungen. Am Ende entsteht daraus der Schichtenplan, nach dem auf der Baustelle gearbeitet wird. Manchen Kindern bereitet es viel Freude, Schichtenpläne zu entwickeln. Sie sind dann in einen Teil der Planung einbezogen.

Ich denke sie können sich vorstellen, daß es viel Arbeit ist, ein Haus zu bauen und es einzurichten – zumal wenn alles der Hände Werk, also im klassischen Sinne Handwerk ist. Aber die vielen Prozesse sind der vorrangige Grund und erst nachgeordnet stehen die möglichen Tätigkeiten im Haus. Die Kinder lernen und üben handwerkliche Techniken. Zu wissen und zu können wie man, d.h. der Handwerker, etwas tut ist ihnen starker Antrieb. Und weil ein Haus nicht gleich dasteht, üben sie sich in Geduld und werden ausdauernd. Das sind Fähigkeiten, ja Tugenden, die im Leben auch an anderer Stelle nützlich sind.

Viele Tätigkeiten gelingen besser oder schneller, wenn man sie nicht alleine ausübt. Das wird im Bautrupp immer wieder deutlich. Die Kinder lernen zusammen zu arbeiten, auch wenn der Kollege nicht gerade der beste Freund ist, eben aus der Notwendigkeit der Sache heraus. In diesem Zusammenhang üben wir auch, daß eine beliebte Arbeit nicht immer von dem übernommen wird, der am schnellsten ist. Auch Langsame, vielleicht Jüngere oder nicht so Geschickte sollen die Gelegenheit bekommen, etwas zu tun.

Ein weiteres wichtiges Kriterium ist die Qualitätskontrolle. Zunächst lernen die Kinder sich über ihr Tun selbst Rechenschaft abzulegen, nachzumessen und mit dem Plan zu vergleichen. Aber dann ist auch immer der anleitende Erwachsene in der Nähe und hat ein Auge darauf. Wenn ein Stein beim Mauern schief sitzt oder zu tief liegt, muß er noch einmal heraus – und der Mörtel ebenso. Erneut wird Speiß angegeben und der Stein versetzt. Das ist lästig, aber schließlich sieht das Mauerwerk dann richtig gut aus. Außerdem übt man möglichst gleich das richtige Mörtelbett vorzulegen. Diese Geduld zu üben und sich immer aufs neue Mühe zu geben ist Teil des Handwerks. An dieser Stelle zeigt sich deutlich, wie groß der persönlichkeitsbildende Einfluß des Handwerks sein kann.

So lernen die Kinder über handwerkliche Tätigkeit Dinge, die an ganz anderer Stelle im Leben von Nutzen sind, beispielsweise „dran“ zu bleiben, auch wenn die Sache im Moment mal keinen Spaß macht. Ein übergeordneter Beweggrund kann Antrieb sein. Wenn solche Situationen sich wiederholen, kann daraus die Gewissheit erwachsen, daß es sich lohnt, Durststrecken zu überwinden.

Dann der Wert des Übens: man lernt einen komplexen, vielschichtigen Ablauf in kleine Schritte zu zerlegen, diese einzeln zu üben um sie später zu einem Großen, Ganzen zusammenzufügen. Wichtig ist, daß der Erfolg des Übens sich einstellt und vom Kind erlebt wird. Der Erwachsene, der zunächst anleitet, später mehr mitarbeitet, kann durch seine Begleitung und Zuwendung dazu beitragen. Wenn es gut geht, entwickelt sich eine partnerschaftliche Beziehung in dem gemeinsamen Projekt.

Theorie und Praxis: Für Kinder ist der Weg von der Praxis zur Theorie ein naheliegender. Ein Beispiel aus der Physik mag das zeigen. Eine schwere Last soll bewegt werden. Mit einer Brechstange und einem Holzklotz läßt sich das schaffen. Wenn es nicht ganz so leicht geht, kann man durch anderes Ansetzen der Hilfsmittel Erleichterung schaffen. In der Pysik würde man sagen: Durch Veränderung der Hebel. Kindern, und gerade solchen, die es mit dem abstrakten Denken nicht so leicht haben, fällt der Weg über die praktische Anwendung wesentlich leichter. Am Ende hat man die Hebelgesetze verstanden.

Wenn ich mir diese Gedanken und Beobachtungen erneut durch die Seele ziehen lasse, regt das eine Fülle von Ideen und Überlegungen an. Einerseits betreffen sie das praktische Denken, persönliche und soziale Komponenten, zum anderen führen sie in Bereiche wie Verantwortung, Gesellschaftliches und Politik.

Das bisher Gesagte ist ganz aus meiner persönlichen Erfahrung entsprungen. Mein Interesse, ja die starke Verbundenheit mit dem Handwerk hat mich geprägt. Ich bin zutiefst überzeugt, daß die klassischen Handwerke in mehrfacher Hinsicht zu pflegen sind als Kulturgüter im wahrsten Sinne des Wortes. Und das nicht nur durch die ausübenden Handwerker. Nein – genauso durch uns Verbraucher oder Kunden, die wir von und mit den Produkten leben – ja, ihnen einen ehrenvollen Platz einräumen. Die Handwerker versorgen uns ja nicht nur mit Gütern des täglichen Bedarfs. Sie können uns darüber hinaus einen menschengemäßen Zugang zur materiellen Welt vermitteln. Oft sind die Ausgangsmaterialien im Produkt noch erlebbar und die Art der Verarbeitung bietet wertvolle Impulse in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen, künstlerisch, pädagogisch , therapeutisch.

Diese Zuneigung zum Handwerk verbindet sich bei mir mit dem Impuls, Kinder bei ihrem Heranwachsen zu begleiten. Kinder sind noch auf dem Weg, sich die Welt zu erschließen und ihre Aufgabe darin zu finden. Es baut sich zwar alles auf dem Gewordenen auf, aber es geht nicht um die Fortschreibung des Alten. Gut ist, Bewährtes zu kennen und zu können. Doch dann wird es darum gehen auf die brennenden Fragen unserer Zeit Antworten zu finden. Das braucht Kraft und Ausdauer, Fantasie, Mut und Selbstbewußtsein. Ich hoffe, es wurde deutlich, wie diese Eigenschaften gestärkt werden können.

Mein Weg wurde der über das Handwerk. Dabei ist mir klar, daß nicht jeder mit Kindern Häuser bauen kann. Und es wollen ja auch nicht alle Kinder handwerklich tätig sein. Zugleich bin ich mir sicher, daß viele Erwachsene etwas können, das sie segensreich für die nächste Generation zur Verfügung stellen und so ihre Lebenserfahrung zum Nutzen der Heranwachsenden einbringen können.

Was uns gemeinsam bleibt ist die Verantwortung. Mit unseren Gewohnheiten, der Gewichtung unserer Bedürfnisse, unseren Entscheidungen bestimmen wir mit, wie diese Welt beschaffen ist und wohin sie sich entwickelt. Ich bin sicher, daß wir alle in Zukunft bescheidener werden müssen, um die unausweichlichen Fragen und Aufgaben, vor allem im Sozialen und Ökologischen, zu lösen. Unser materieller Wohlstand beruht zu einem erheblichen Teil auf dem Verzicht anderer Menschen, ja deren Not und Elend. Im Verhältnis dazu ist der Verzicht, den wir zu leisten haben, gering. Dabei ist es gut zu erfahren, daß Verzicht im Materiellen nicht notwendig mit einer Minderung der Lebensqualität im Allgemeinen einher gehen muss. Bescheidenheit auf der einen Seite kann verbunden sein mit Gewinn auf anderem Gebiet.

Es sind nicht nur die Wahlen im Politischen, die bestimmen, wie es in unserer Gesellschaft weitergeht. Jeder hat im Persönlichen Entscheidungsmöglichkeiten, privat wie beruflich. Was Heranwachsende dringend brauchen, ist die Zuwendung eines Erwachsenen. Gut ist es, wenn das Gefühl entsteht: “Der kann was und er hat Zeit für mich.“ – Und das gerade auch, wenn man keine offizielle Rolle hat, nicht die der Eltern oder Lehrer. Und wer keine Verantwortung für eigene Kinder trägt, kann seine Fähigkeiten für Kinder in der Umgebung einbringen. Das Wichtigste ist, daß wir uns der Aufgabe stellen und das Erfreuliche ist, daß es eine beglückende Aufgabe ist, für die Kinder wie für die Erwachsenen.

Ich danke für ihre Aufmerksamkeit.
Hermann Rieth
Sülz, 6.2.2020 und 26.11.2020